Und jetze???

Von Fairbanks nach Deadhorse, dem nördlichsten Punkt Amerikas, den man mit einem eigenen Fahrzeug erreichen kann, sind es 800 km. Und zwar Piste! Nun, da lag ein recht langer Weg vor uns und wir wussten nicht, wie der Straßenzustand sein wird. Fred warnte uns vor den Baustellen, die Goldwing-Fahrer vor dem Wetter und die Harley-Fahrer generell vor dem Dalton Highway, der für die nächsten Tage unser Zuhause sein sollte. In Gesprächen mit Freunden und Reisebekanntschaften, die diesen Weg gefahren sind, konnten wir drei Möglichkeiten ausmachen, ihn zu meistern. Gary (Alabama) fuhr die 1600 km – also Fairbanks – Deadhorse – Fairbanks – an einem Tag. Das ist möglich, da hier die Sonne zurzeit nicht wirklich untergeht und es 22 Stunden Tageslicht gibt. Fred hat die Strecke in zwei Tagen erledigt mit Übernachtung (in sehr teurem Hotel!!) in Deadhorse. Und die dritte Option hatten Norweger, die nach Panama unterwegs sind, ausprobiert: nach Coldfoot (liegt ungefähr auf der Hälfte, hat eine Tankstelle und Restaurant und besitzt daher in Alaska „Stadtrecht“), Zeltlager und von dort aus eine Tagestour ohne Gepäck nach Deadhorse.

Wir haben überlegt und überlegt, wie wir diese Strecke, die unsere Reise erst richtig rund macht, befahren sollen. Dank einer großzügigen Spende von Sigrun M. aus B. fiel uns die Entscheidung leicht und wir wählten Variante vier: Vier Tage Fahrt mit zwei Übernachtungen in Coldfoot und einer in Deadhorse. O.k. das ist die Mädchenvariante, aber was sage ich Euch: Es war eine der besten Entscheidungen, die wir auf der ganzen Reise gemacht haben. 7-8 Stunden täglich Pistenfahrt bei Schlamm und Modder reichen definitiv! Leider hatte uns das Wetterglück ein bisschen verlassen.

Und so fuhren wir aus Fairbanks los. Überraschenderweise waren die ersten Kilometer noch gut asphaltiert. Aber die Motorräder, die uns entgegen kamen, ließen mich an unserem Unternehmen zweifeln. Jana zu Patrick per Helmsprechanlage: „Haste die gesehen, oh man, die waren ja voller Schlamm und Dreck. Wollen wir da wirklich lang fahren?“ Und Patrick: „Die sahen doch noch gut aus, hab ich mir schlimmer vorgestellt!“ Was „schlimmer vorgestellt“, ich will ne trockene Piste, die gut zu befahren ist und Supertranse nicht dreckig wird!!! Ein bisschen Staub wäre o.k. Aber diese Vorstellung musste ich schnell verdrängen. Bereits die ersten Pistenkilometer zeigten: Ja, es hat viel geregnet in den letzten Tagen. Wir hatten zum Glück nur Niesel und manchmal ziemlich tiefhängende Wolken. Aber wir konnten die Strecke gut meistern. Es dauert halt bloß, auf den Pilotwagen zu warten, der einen durch die Baustelle lotst und das gleich bei mehreren Baustellen. Oder eine Schlammstrecke mit 9%-Fall im ersten Gang herunter zu kriechen. Also man muss mal sagen, diese Strecke wäre in Südamerika nicht zu befahren gewesen, hier kostete sie jedoch „nur“ Zeit. Nach manchen Streckenabschnitten mussten Patrick und ich erst einmal anhalten und uns „High Five“ geben, so erleichtert waren wir, dass wir nicht gestürzt sind. Und irgendwie war es kein gutes Gefühl, nicht zu wissen, was noch vor einem liegt und zu wissen, dass man das alles wieder zurückfahren muss. Und es war kalt, 6°C zeigte das Thermometer später und gefühlt waren es höchstens 3°C, wenn nicht sogar weniger. Egal, wir sind überglücklich in zwei Tagen in Deadhorse angekommen, haben im Hotel eingecheckt, die Betten Probe gelegen (herrlich, ich will so etwas fürs Zelt haben) und noch das obligatorische Foto geschossen: End of the Dalton Highway. Und da hatten wir es erreicht, unser Ziel, das wir uns irgendwann in Südamerika gesetzt hatten: von Ushuaia, Feuerland nach „keine Ahnung wie der Ort heißt“, Alaska – einmal komplett durch GANZ Amerika! We did it!!!!

Deadhorse ist ein sehr spezieller Ort: hier beginnt die Trans Alaska Pipeline, die uns den ganzen Weg begleitete. Hier gibt es nur Industrie, vom Wetter frustrierte Arbeiter und durchgeknallte Touristen, die das arktische Meer sehen wollen. Das einzig offene Hotel in Deadhorse (Container auf Wohnzimmer getrimmt mit Schlafwagencharakter) mit seinen super angenehmen Betten war nach drei Monaten Camping und den anstrengenden Fahrtagen eine richtige Wohltat. Ich wäre glatt noch eine Nacht geblieben… Bereits in Coldfoot hatten wir Ruth und Roy aus Edmonton, Kanada kennengelernt. Sie wollten eigentlich zelten, doch wessen Motorräder standen da vor dem Hotel? Wir speisten zusammen und fuhren am nächsten Tag den Weg gemeinsam zurück. Herrlichster Sonnenschein verriet, welch schöne Landschaft sich hinter den Wolken versteckt hatte. Die Piste war schnell getrocknet, so dass wir gut voran kamen, aber die vielen Fotostopps ließen diesmal die Zeit rennen. Als wir ein weiteres Mal an einer Baustelle auf den Pilotwagen warten mussten, kam ein Pick up auf und zu, und der Fahrer meinte freundlich warnend und zugleich beruhigend: „Take your time!“ Ich fragte schnell, ob denn die Straße schlechter sei als gestern. So ein überraschtes und gleichzeitig erstauntes Gesicht haben wir schon lange nicht mehr gesehen: „Ihr seid das gestern gefahren???“ Und noch ein schnelles: „You will be fine“ hinterher. Es stellte sich heraus, dass dieser nette junge Mann der Chef des ganzen Bautrupps war. Hätte ich das gewusst, hätte ich gleich mal gefragt, warum Baustellen denn „construction work“ heißen, wo sie doch eher einem Schlachtfeld bzw. einer großen Dekonstruktion ähneln. Obwohl der Pilotwagen diesmal super langsam gefahren ist, was im Endeffekt für uns Motorradfahrer in rutschigen Passagen noch gefährlicher ist, sind wir durch die Baustellen an diesem Tag gut gekommen. Aber es wartete noch Tag vier!

Die Tundra hatten wir bereits hinter uns gelassen, viel zu sehen gab es nicht. Langsam sah man wieder Baumwuchs. Und es gab nun richtigen Regen, nicht nur diesen Pseudo-Niesel. Dementsprechend weich und rutschig war so mancher Abschnitt des Dalton Highways geworden. Wahnsinn, wie unterschiedlich der gleiche Weg an zwei verschiedenen Tagen sein kann. Wir sind zum Glück ohne Unfälle durchgekommen, nur die Motorräder und auch wir waren mehr als dreckig. Ein Hochdruckreiniger musste her. Auf dem Weg nach Fairbanks sahen wir nur wenige Motorräder uns entgegen kommen, aber in ihren Gesichtern sah man geschrieben: „Oh mein Gott, wo kommen die denn her? Will ich wirklich dorthin?!“

Und was kommt jetze, nachdem wir unsere Mission erfüllt haben? Wir warten hier in Alaska darauf, dass endlich der Winter einbricht und die Beringstraße zufriert. Dann können wir über das Eis nach Asien fahren und über Russland nach Hause kommen… Nun, das vielleicht in einem anderen Leben! Jetzt geht es erst einmal in den Denali-Nationlpark, dann nach Anchorage, wieder in den Yukon rein (Yukon-Werbespruch: „Larger than life“) und nach British Columbia zu unseren Freunden mit dem großen Weinkeller – sie sind Winzer!

An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen und Mr. Tank danken. Ohne ihn, wäre die Fahrt nach Prudoe Bay nicht möglich gewesen, wir wären niemals an unserem Ziel angekommen. Näheres über Mr. Tank erfahrt ihr hier. Vielen, vielen Dank. Es bleibt nur noch eins zu sagen: Wir sehen uns bald in Berlin!!

Jana


Posted in Nordamerika, Amerikareise by with 1 comment.

Comments

  • MEYLAV says:

    Unbegrenzter Dank wäre gewesen, Mr. Tank auch die Heimfahrt zu ermöglichen. So ist die Lebensrettung: schnell im schwarzen Loch verschollen. Nichts aber gegen Eure sehr beein-druckende Leistung!!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *